Probelesen
Der Verdacht
`Komisch sind sie, die Menschen, und dumm. Ach, wenn die wüssten…´ Herr Ulrich blickt der Bäuerin hochmütig nach. Dann schielt er wieder zu mir herunter. `Na, wo war ich stehen geblieben? Ja, ich weiß schon. Diese brauen Ziege also, mit dem hübschen weißen Fleck auf der Stirn, die steigt mir doch nach, sag ich dir…´
Ich dreh mich um und laufe hinter der Bäuerin her. Ich habe genug von diesem stinkenden Meckerer. Außerdem habe ich andere Sorgen. Ich muss Marvin suchen. Er ist in höchster Gefahr. Die Menschen haben Rattengift ausgelegt. Eigentlich haben sie Ferdl umgebracht, ohne es zu wollen. Man kann aber auch sagen, Ferdl ist seiner Gier zum Opfer gefallen.
Und sie werden wieder Gift auslegen. Gift für meinen Rattenfreund! Ich muss Marvin warnen!
Hinter mir meckert Herr Ulrich: ´Was ist? Willst du meine Geschichte nicht zu Ende hören? Nein? Undankbare kleine Sau! Verzupf dich!`
Auf dem Weg zurück zu unserem Stall spüre ich es wieder. Es liegt was in der Luft. Außerdem schwirrt ein unangenehmer Gedanke durch meinen Kopf, den ich nicht zu fassen kriege. Etwas Unangenehmes juckt unter meiner Kopfhaut. Was war das bloß? Ich bleibe stehen. Irgendetwas starrt mich an, das fühle ich ganz genau. Ich blicke zum Zaun auf der Nordseite hin über. Ein riesiger schwarzer Vogel hockt auf einem Zaunpfahl und glotzt zu mir herüber. Jetzt fällt es mir wieder ein! Mein schlimmer Traum, bevor mich Näschen geweckt hat. Als Beute bin ich für die riesige Krähe zu groß. Aber was wäre, wenn…? Wenn ich zum Beispiel verletzt wäre oder krank? Am liebsten möchte ich loslaufen. Die Blicke des Vogels stechen.
Endlich bin ich in unserem Stall. Es reicht noch nach der scharfen Flüssigkeit auf Ferdls Platz. Aber jetzt ist Ferdl für immer fort. Am liebsten möchte ich zu weinen beginnen. Aber mein Kopf gibt keine Ruhe. Jetzt ist keine Zeit zum Weinen. Alles soll der Reihe nach geschehen. Zuerst muss ich Marvin suchen und warnen. Dann will ich wissen: Wer ist wirklich schuld an Ferdls Tod?
Das Gefühl für Gefahr lässt mir keine Ruhe. Ich suche nach meinem Rattenfreund und finde ihn hinter der Scheune unter dem Holunderstrauch. Er redet gerade mit einer anderen Ratte. Als die Ratte mich sieht, huscht sie davon. Es tut mir leid, dass sie mich fürchtet. Gerne hätte ich auch Marvins Freunde kennen gelernt. Ich lege eilig los: ´Marvin, die Menschen legen Gift für euch aus. Die Bäuerin hat es selbst gesagt.`
(Seite 37 und 38)