Probelesen
ENYA
"Es war ein etwas vergilbtes Bild, die Fotografie war damals gerade erst erfunden worden. Doch die Schönheit des darauf abgebildeten Mädchens war überwältigend.
Man sah eine junge Frau, die offenbar auf einer Totenbahre ruhte. Ihre Augen waren geschlossen, der Mund leicht geöffnet. Er gab eine Reihe weißer Zähne frei. In den gefalteten Händen auf der Brust steckte ein Sterbekreuz. Sie wirkte puppenhaft, die Haut ganz bleich und seltsam wächsern.
Mrs McCormik fuhr fort: `Immer wenn der Vollmond über der Ruine steht, erwacht sie zum Leben und klettert die 112 Stufen des Turmes hoch, um nach Tristan Ausschau zu halten. Sie verharrt dort, bis der Mond wieder untergeht. In manchen Mondnächten dringt aus den Mauern des Turmes ein gespenstisches Licht, das sich langsam von den Grundmauern zu den Zinnen erhebt. Als ob jemand mit einer Laterne die gewundene Treppe hochklettern würde. Die Schritte bewegen sich stets nach oben, niemals nach unten. Daher wird Enya verdächtigt, ein Vampir und ein Geist zu sein.´
David hörte das Heulen des Sturmes und sah, wie sich die Bäume an der Straße bogen. Plötzlich flog ein Fenster auf und krachte gegen die Wand. Eine heftige Windböe hatte es aufgerissen. Mauerverputz rieselte auf den Fußboden. Sofort fegte ein nasskalter Luftzug durch den Raum. Der Spuk dauerte nur wenige Sekunden. Nur die Vorhänge bewegten sich noch leicht.
Der Windstoß hatte das graue Haar der alten Dame zerzaust. Es hing nun wirr in ihr seltsam schmales Gesicht.
Plötzlich machte David eine unheimliche Entdeckung: Das Bild der Lady hing nach diesem heftigen Windstoß ein wenig schräg am Haken!
Mrs McCormik schien es ebenfalls bemerkt zu haben. Sie hielt auf einmal ein schwarzes Kruzifix aus Holz in der Hand, bekreuzigte sich und murmelte irgendwelche Gebete vor sich hin. Ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck, der Angie regelrecht frösteln ließ. Mrs McCormiks Augen schienen in weite Ferne zu blicken, als suchten sie die Ruine. Ihre dünnen Finger umklammerten krampfhaft das Kruzifix, die Knöchel ihrer Hand traten weiß hervor.
Dann erzählte sie von dem unheimlichen Fluch, der auf Sanbury Castle lastet: …"
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