Ein Bild von einem kletterndem Affen

Gartenzwerge

Lene Mayer-Skumanz

Residenz Verlag
Gutenbergstr. 12
A - 3100 St. Pölten

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Probelesen

 
„Schritte in der Nacht

Paul erwachte, weil es in seinem Magen rumorte. Er drückte die Hände auf den Bauch und redete ihm gut zu. `Du schaffst es, du schaffst es. Das Essen war viel zu viel, aber du schaffst es. ´

Er blinzelte nach den Leuchtziffern der Uhr. Halb zwei. Ein Fensterflügel stand offen, der Vorhang bauschte sich im leichten Nachtwind. Paul schlüpfte aus dem Bett, tappte auf bloßen Füßen ans Fenster und pumpte frische, kühle Luft in seine Lungen. Ah, das tat gut! Aber sein Bauch war noch nicht zufrieden. Also raus und aufs Klo, leise, leise! So leise wie möglich eben. Verdammte Spülung, die rauschte bei Nacht doch tatsächlich lauter als am Tag!

War jemand munter geworden?

Im Hausflur brannte wie immer Omas Salzkristall-Lampe mit ihrem sanften rosafarbenen Licht. Hinter den Schlafzimmertüren war es still. Aber unten im Erdgeschoss knarrte der Holzfußboden. War Oma wach und ihre Tarockrunde noch in vollem Gang? Aber das hätte Paul mit seinen scharfen Ohren das typische Stimmengemurmel aus der Küche gehört.

Er trat ans Stiegengeländer und horchte hinunter. Ein feiner Luftzug streifte seine nackten Zehen. Er schlich ein paar Stufen weiter hinunter. Nun konnte er die Haustür sehen. Mimose stand davor und fauchte. Ihr gesträubter Schwanz glich einer alten Küchenbürste.

`Ach, du bist´s ´, flüsterte er. Ist ja gut. Ich lass dich raus. ´ Er lief hinunter und wollte den Schlüssel drehen. Aber die Haustür war nicht versperrt. Er zog sie auf, nur einen Spalt breit, um Mimose ins Freie zu lassen. Doch Mimose wollte gar nicht in den Garten. Sie legte die Ohren zurück, klappte die Kiefer auf und drohte mit spitzen Zähnen irgendeinem Ding, das sie dort draußen roch.

Paul strengte seine Ohren an. Von der Straße her klangen Schritte, nicht zu schnell, nicht zu langsam, ein Mensch, der weiß, wohin er will, und keine Eile hat. Irgendwo startete ein Motor. Ein Vogel flatterte auf, etwas raschelte in den Himbeerbüschen am Zaun, vielleicht war ein Marder unterwegs. Mimose rümpfte die Nase, dann drehte sie dem Türspalt den Rücken zu.

Der Luftzug, den Paul verspürt hatte, war kräftiger geworden. Und nun knarrte es lauter als vorhin. Paul schloss und versperrte die Haustür, knipste die Stehlampe neben der Dielenbank an und sah sich um. Ach so, die Tür zur Kellertreppe war nur angelehnt. Er ging hin, schob sie auf und erblickte zwei leere Flaschen auf der ersten Stufe. Die Oma hatte sich nicht mehr die Mühe gemacht, sie hinunterzutragen. Paul guckte nach den Gästehausschuhen, die unter der Bank lagen. Sie waren vollzählig, ordentlich aneinandergereiht. Es war also keiner von Omas Tarockfreunden zum Übernachten geblieben.

Paul bückte sich und streichelte Mimose. `Gehen wir wieder schlafen! ´ Er schaltete die Stehlampe aus und tappte im Schimmer des Salzlichts die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf. Mimose ging mit ihm. Sie sprang auf sein Bett und rollte sich auf der Decke ein. Normalerweise war ihr das nicht erlaubt. Sie hatte vor Omas Zimmer ihren Katzenkorb. Aber diese Nacht war wohl nicht wie jede andere.

Ein Klirren im Garten ließ Paul hochschrecken.“

(Seite 65 – 67)